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St. Michaelskirche München
11. November 2002 (Allerheiligen, Matth 5,1-12)
Prediger: P. Gerd Haeffner SJ

Alle Heiligen


Alle Heiligen – besser: die Gemeinschaft der Heiligen, feiern wir heute. Um besser zu verstehen, was wir da tun, stellen wir drei Fragen: Wer gehört zur Gemeinschaft der Heiligen? Was ist das für ein Typ von Gemeinschaft? In welchem Verhältnis stehen die Heiligen zu uns?

1. Wer gehört zur Gemeinschaft der Heiligen?
Wer gehört dazu? Die Antwort liegt in einer wunderschönen Formulierung im Zweiten Hochgebet, auf die ich Sie einmal aufmerksam machen möchte. Sie findet sich dort gegen Ende. Es heißt da:

„Vater, erbarme dich über uns alle, damit uns das ewige Leben zuteil wird, in der Gemeinschaft mit der seligen Jungfrau und Gottesmutter Maria, mit deinen Aposteln und mit allen, die bei dir Gnade gefunden haben von Anbeginn der Welt."

Wenn wir gewöhnlich von den Heiligen sprechen, dann denken wir in erster Linie an diejenigen, die im Heiligenkalender stehen, wenn wir nicht gar denken, daß die Heiligen dadurch entstehen, daß Menschen heilig gesprochen werden. Aber: eine Heiligsprechung macht ja die Leute nicht heilig, sondern weist nur auf sie hin und erlaubt die Verehrung. Und die, die im Kalender stehen, das sind nur die, die zu ihrer Zeit eine besondere Wichtigkeit hatten für das Leben der Kirche und sie in manchen Fällen noch haben. Aber über sie hinaus gibt es unendlich viele andere Heilige, nämlich schon „seit Anbeginn der Welt", das heißt: seit es Menschen gibt. Die Kirchenväter prägten das Wort „ecclesia ab Abel". Damit wollten sie sagen, daß die Kirche begonnen hat schon mit Adams Sohn Abel, dem ersten Gerechten, der ungerecht sein Leben lassen mußte. In mancher Kirche werden neben den Heiligen des Neuen Testaments auch die des Alten Testaments dargestellt, wie z.B. hier in St. Michael, im Chor, oben. Aber darüber hinaus gibt es viele, viele andere Vollendete, wie es das Hochgebet sagt: eben alle die, „die Gnade gefunden haben bei Gott". Was heißt das, daß sie „Gnade gefunden" haben? In ihrer Not, nur verbraucht zu werden, nur beurteilt zu werden, ja, sich selbst bloß zu verbrauchen und zu verurteilen, haben sie den weiten Raum Gottes gefunden, in dem ein anderes Gesetz herrscht als im gnadenlosen Kampf ums Dasein, eben Gnade: nämlich Freundlichkeit, Entgegenkommen, ein bedingungsloses Ja, Heimat.

2. Was ist das für ein Typ von Gemeinschaft?
Es ist eine Gemeinschaft, wie wir sie uns gar nicht individualisierter vorstellen können. Die Heiligen sind keine gestanzten Typen, sie sind keine Durchschnittsmenschen, keine Produkte, wie man sie im Schlußverkauf von der Stange kauft. Die Heiligen, das sind alle geprägte Persönlichkeiten und zwar nicht in erster Linie, weil sie’s von Natur aus schon waren, sondern vor allem, weil sie geprägt worden sind je individuell von Gott, der kein allgemeiner Gott ist, sondern jeweils für jeden einzelnen seiner, in einer ganz persönlichen Weise.

Wir brauchen uns nur die Heiligen, soweit wir etwas Näheres von ihnen wissen, nur daraufhin anschauen, oder eben auch Menschen, die wir kennen oder erlebt haben, und sie so waren, daß uns spontan der Gedanke kam: Das ist etwas Ähnliches wie ein Heiliger, eine Heilige. Dann wird uns klar: Das sind geprägte Individuen, jeder eine Welt für sich. Und zugleich kann man sich keine Gemeinschaft vorstellen, die intensiverwäre als die Gemeinschaft derer, die sich aus Gott heraus und in Gott verbunden fühlen. Die Gemeinschaft des Gebetes, die Gemeinschaft der gemeinsamen Anbetung verbindet wie nichts anderes. Weiteste Weite, die ganze Menschheit umfassend, und tiefe individuelle Persönlichkeit, das ist das Ideal des Christen. Es ist am deutlichsten realisiert in den Menschen, die wir die Heiligen nennen. Freilich, so ganz perfekt auch nicht. Wir dürfen uns nicht vorstellen, daß nicht auch die Heiligen noch einige Defekte gehabt hätten, bevor sie in die Ewigkeit aufgenommen worden sind. Das ist ein Wahnbild. Aber trotzdem, und um so tröstlicher für uns: sie haben die Vollendung gefunden.

3. In welchem Verhältnis stehen die Heiligen zu uns?
Sie sind vollendet, aber doch nicht so, daß sie sich selig abgeschlossen wären. Nein, das Schicksal des Unvollendeten liegt ihnen am Herzen. Wie können sie selig sein, wenn ihre Schwestern und Brüder hier auf der Erde noch kämpfen und leiden? Nein, sie kämpfen und leiden mit ihnen. Das gilt sogar für Christus in seiner Seligkeit, wie der Apostel Paulus sagt (Kolosserbrief 1,14): Die Leiden Christi müssen hier auf Erden noch zum Vollmaß gebracht werden. Die Vollendeten sind also intensiv uns zugewandt.

Und wir, ja wir sollten sie auch nicht vergessen. Ich denke, wir lernen das im Lauf der Zeit, daß es uns nicht gelingt, allein, aus eigener Kraft zu Gott zu kommen, allein zu glauben, allein zu hoffen. Nein! Wenn es uns gelingt, ein Stück weit zu glauben und zu hoffen, dann nur, indem wir mitglauben dürfen, mithoffen dürfen mit denen, die das konnten, jedenfalls besser konnten als wir und die mit uns eine verborgene, aber unzerreißbare Gemeinschaft bilden. Freilich schauen auf der anderen Seite auch Menschen, die angekommen sind, voll Erwartung auf uns, und denken sich: Was wird aus dem Glauben, der die Mitte unseres Lebens war und den wir weitergegeben haben, jetzt? Findet er noch Liebhaber, finden wir noch Nachfolger? Finden sich heute Menschen, die mit uns glauben, die mit uns hoffen? So schauen uns die Heiligen an.

Noch ein letzter Punkt scheint mir wichtig. Wer ist, im Verhältnis zwischen den Vollendeten und uns, die Mitte und wer ist der Rand? Wer ist die Mehrheit, wer ist die Minderheit? Wer hat die Zukunft? Wenn man drüber nachdenkt, kommt etwas anderes heraus als das, was das spontane Gefühl nahelegt. Nicht wir sind in der Mitte, sie sind es. Wir sind am Rand und wandern der Mitte zu. Nicht wir, 5 oder 6 Milliarden Menschen, die gerade jetzt leben, sind die Mehrheit. Seitdem es die Menschheit gibt, sind viel, viel, viel mehr Menschen in diese Vollendung eingewandert als wir Menschen, die jetzt hier sind. Sie sind die große Mehrheit und wir sind der Trupp, der nachkommt. Wir müssen wohl uns bemühen, öfter daran zu denken. Die Zukunft liegt bei ihnen – unsere Zukunft.

Wenn es so eine Zukunft nicht gibt, so eine Heimat, auf die hin alle zuwandern, ja dann gibt es auch so etwas wie die Menschheit nicht, sondern dann gibt es immer nur die, die grade mal leben und sich für die Menschheit halten und wo es den einen gut geht und die anderen in alle Ewigkeit die Zeche gezahlt haben werden. Die weltliche Gerechtigkeit, von der bei Lichte betrachtet nicht viel zu halten ist, bleibt dann das Letzte. Wenn wir uns das klar machen, dann geht unserem Herzen die Luft aus. Denken wir aber an das Licht und an die Wärme, an die Freiheit und die gegenseitige Zuneigung, die in der Gemeinschaft der Heiligen herrschen und daran, daß von dort der Ruf an uns geht: komm, komm, komm, – dann geht uns das Herz auf, dann bekommen wir Luft und sagen leise, aber voll Hoffnung: Ja, ja, ich komme!


Gerd Haeffner SJ