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St. Michaelskirche München
Sonntag, 11. November  2001 (Lukas 20,27-38)
Prediger: P. Gerd Haeffner  SJ

„Die Auferstehung der Toten"
I. Damals
Um zu verstehen, was uns dieses Evangelium eigentlich erzählt , lohnt es sich, zunächst einige Minuten lang einzutauchen in die Verhältnisse von damals. Die Sadduzäer, was sind das für Leute gewesen? Die Sadduzäer waren zusammen mit den Pharisäern und den Leuten von Qúmran, den sog. Essénern, eine der drei einflußreichen Gruppen im jüdischen Volk der Zeitenwende. Diese Gruppe war einflußreich, aber klein. Sie bestand nämlich aus den oberen Schichten des Priestertums. Das Priestertum war ja erblich und bezog sich auf die Opfer im Tempel. Diese obere geistliche Adelsschicht nannten sich Sadduzäer - nach ihrem Stammvater, dem Hohenpriester Sadok. Zu ihren Besonderheiten gehörte, daß sie von den damals als heilig geltenden Schriften nur die Thora, die 5 Bücher Mose, akzeptierten und sonst nichts , z.B. auch keinen Propheten; dazu gehörte auch, daß sie nicht an eine Verheißung ewigen Leben glaubten, und auch sonst kein höheres geistiges Leben, wie das der Engel, anerkannten.
Mit ihrer Frage wollen sie Jesus lächerlich machen: Der verehrte Rabbi Jesus glaube auch nichts anderes als diesen Humbug, den die Pharisäer glauben von dem Leben nach einer Auferstehung. Humbug ist das! Voller Widerspruch! Und das wollen sie allen demonstrieren mit dieser Geschichte von den 7 Männern und der einen Frau. Jesus ist sich in diesem Punkt einig mit den Pharisäern. Deswegen heißt es auch am Schluß in einem Satz, der heute weggeschnitten worden ist – eigenartigerweise, denn er gehört zur Geschichte: Da sagten einige Schriftgelehrte: Meister, gut hast Du geantwortet; gut hast Du es ihnen gegeben! – Was antwortet nun Jesus im wesentlichen?
Erstens zeigt er, daß die Vorstellungen, die die Sadduzäer sich gemacht haben vom Leben jenseits der Auferstehung, falsch und ihrerseits lächerlich ist. Wie soll es denn in einem Leben, das den Tod definitiv überwunden hat, wo niemand mehr stirbt, noch so etwas wie Kinderzeugung geben, die den Zweck hat, das Leben über den eigenen Tod hinaus weiterzugeben? Wie soll es da, wo es keinen Tod gibt, noch Sexualität geben müssen und können? Das wäre widersinnig. Es wäre eine allzu irdische Vorstellung vom ewigen Leben. Nein, da werden die Menschen, die Gott zu sich ruft, sein wie „Gottessöhne" sein, d.h. wie Engel – gelöst von den materiellen Bedingungen dieser Erde, gelöst von den biologischen Gesetzlichkeiten, unter denen wir hier stehen.
Zweitens zeigt Jesus, daß zum Glauben Israels gehört, daß der Gott, der Leben gibt, auch ewiges Leben gibt. Und er zeigt es nicht aus einem Prophetenbuch, sondern aus einer Quelle, die auch die Sadduzäer anerkennen, nämlich aus dem Buch Exodus (Kap. 3). Er verweist auf eine ganz zentrale Stelle, die Geschichte von der Selbstoffenbarung Gottes, wo Mose fragt: Wenn ich zu meinen Leuten zurückkomme, was soll ich sagen, wenn sie wissen wollen, welche Macht mir begegnet ist. Da lautet Gottes Antwort: „Ich bin der Gott eurer Väter: der Gott Abrahams, der Gott Isaaks, der Gott Jacobs." Und der Clou ist nun, daß Jesus diese Offenbarung verbindet mit der Überzeugung, daß Gott kein Gott der Toten, sondern ein Gott von Lebenden ist. Mt diesem Satz argumentierten gerade die Leugner einer Auferstehung; sie sagten: Gott ist nur für die Lebenden da, an die Verstorbenen denkt er nicht mehr. Jesus argumentiert nun so: Wie kann diese Deutung wahr sein, wenn Gott sich selbst als der Gott von Menschen vorstellt, die doch schon gestorben sind? Dann wäre er ein Gott der Vergangenheit, ein toter Gott. Wenn er aber wesentlich lebendig ist und der Ursprung des Heute ist, dann sollen wir erkennen, daß Abraham, Isaak, Jakob und viele andere in ihm leben, weil sie, obwohl sie gestorben sind, in Gottes ewige Lebendigkeit aufgenommen worden sind.
II. Heute
Nun, dieses Argument ist im Stil der damaligen Zeit gehalten, und für uns heute nicht unmittelbar überzeugend. Dennoch können wir im wesentlichen verstehen, was Jesus sagen will. Wer sich grobe, massiv materialistische Bilder vom ewigen Leben macht, tut sich leicht, sie nicht ernst zu nehmen. Wenn aber Gott Geheimnis ist, dann ist auch das Leben in ihm etwas Geheimnisvolles, von dem wir keine Informationen im einzelnen haben, sondern nur ahnen und spüren können, wie es sein muß, ganz erlöst zu sein, bei Gott ganz geborgen zu sein, und begeistert zu entdecken, welcher Sinn in unserem Leben steckte.
Und das ist nichts, was einfach nur in der Zukunft läge; der Keim davon steckt schon in uns. Es ist doch schon einmal erstaunlich, daß wir überhaupt ein Wissen davon haben, daß wir sterben werden, denn damit denken wir im Prinzip schon über unseren Tod hinaus. Das kann kein Tier. Das heißt: wenn wir alles Geschehen in der Welt denken können, können wir nicht einfach ein Teil von ihm sein. Darüber hinaus erfahren wir im Glauben immer wieder, daß wir diesem Leben einen unter einer souveränen, väterlichen Führung stehen. Und so entsteht in uns die Hoffnung, daß dieses Leben eine Verheißung enthält, daß es nicht einfach in sich zusammenfällt, sondern daß wir mit unseren Suchbewegungen irgendwo ankommen werden.
Freilich, diese Hoffnung, diese zarte Empfindung, dieses Ausgreifen auf Gottes Verheißung braucht man desto weniger, je mehr in Macht und Ehre und Überfluß lebt und sein Herz davon voll sein läßt. So wie eben diese reichen und mächtigen Oberhirten - im Unterschied zu den armen Leuten, die wie es im allgemeinen die Pharisäer waren und eben auch Jesus. Und weil man diese Hoffnung nicht mehr braucht, ist man auch nicht mehr zu ihr fähig. Man kann sich fragen, ob das nicht auch unsere Gefahr ist, die wir in einer Welt leben, die von Überfluß gekennzeichnet ist. Und dies nicht nur, weil wir schon so viel haben, sondern auch deswegen, weil der Überfluß keine echte Befriedigung gibt und so paradoxerweise Überdruß schaffen kann – am Leben überhaupt. Der Glaube an die Auferstehung, das ist der Glaube derer, die wissen, was ihn fehlt; derer, die noch voll Sehnsucht sind und deshalb bereit sind, sich dem Glauben an die Verheißung zu öffnen.
Es ist der Glaube derer, für die der Name Gottes zentral im Leben steht bis hin, daß sie sogar das Martyrium auf sich nehmen, wie diese Sieben aus der Zeit, als hellenistische Könige die Einheitlichkeit ihres Reiches sichern wollten, indem sie alle besonderen Kulte und besonders diesen sperrigen Kult der Juden vernichten wollten (vgl. die Lesung). Die skeptischen Sadduzäer fragen ganz abstrakt: Gibt es eine Auferstehung? Und sie antworten: Nein. Der lebendige Gott selbst kommt in dieser Frage gar nicht vor. So aber kann auch die Auferweckung durch ihn gar nicht in den Blick kommen. Die Blutzeugen glauben nicht abstrakt an eine Auferstehung, sondern hängen sich vertrauend an den, die sie auferwecken wird, weil er treu ist, weil Gott Gott ist. Ihr Herz sagt ihnen: Um seines Namens Willen kann und wird Er uns nicht im Stich lassen.
Der „Name", d.h. die Gegenwart Gottes, steht auch im Zentrum des Lebens der Beter und Mystiker. Sie tasteten sich schon in der Zeit des Alten Testamentes langsam vor bis zur Tiefe jenes Vertrauens, daß Gott uns nicht nur dieses Leben schenkt, sondern auch Anteil an seinem Leben. Hören Sie einige Stellen aus den Psalmen: „Gott, Du mein Gott. Du bist es, den ich suche. Meine Seele dürstet nach Dir. Mein ganzer Mensch verlangt nach Dir aus trockenem dürrem Land, wo kein Wasser ist" (Ps 63,2). Oder: „Meine Seele hängt an Dir. Deine rechte Hand hält mich" und läßt mich nicht aus (Ps 63,9). Oder: „Wenn mir gleich Leib und Seele verschmachten, so bist Du doch, Gott, alle Zeit meines Herzens Trost und mein Teil!" (Ps 73, 26)
Es ist ein Sprung, wenn man Gott das zutraut, – wenn man versucht, sein Leben von dieser Hoffnung her zu orientieren. Es ist ein Sprung. Eine letzte Absicherung gibt es hier nicht. Dennoch: Ist es nicht wunderbar, daß dieser großartige Glaube an den ewigen Gott, der uns in seine Ewigkeit ruft, bis heute erhalten ist? Daß er nicht erstickt worden ist von den großen Mächten des Kleinglaubens, der Depression oder auch der organisierten Vernichtung dieses Glaubens? Wenn wir an die Auferstehung glauben, dann glauben wir nicht allein, dann glauben wir mit all den besten Menschen, die es gegeben hat. Dann glauben wir mit den Märtyrern, dann glauben wir nicht zuletzt mit den zahllosen Blutzeugen im letzten und noch diesem Jahrhundert. Dann glauben wir mit den großen Mystikern. – Gebe Gott, daß wir zu ihnen gehören dürfen! Gerd Haeffner SJ