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St. Michaelskirche München
17. April 2003 (Gründonnerstag)
Prediger: Provinzial Bernd Franke S.J.


Gründonnerstag: Was ist da geschehen, liebe Schwestern und Brüder? Wir wissen es – und fragen doch. Wir wissen: es ist die Stunde des Abschieds; und der Konflikt um Jesus ist nicht neu. Lange hat er um die Menschen geworben, um ihre Einsicht, um ihr Herz, damit sie Frieden finden. Sie haben ihm nicht geglaubt.

Jetzt geht es ums Ganze: Alles ist ihm in die Hand gegeben, heißt es. Da zeigt Jesus im Kreis seiner Vertrauten noch einmal, auf was es ankommt – und er tut es mit einer scheinbar harmlosen Geste. Er wäscht seinen Jüngern die Füße! „Begreift ihr, was ich euch getan habe?"
Begreift ihr? Begreifen wir, liebe Mitchristen? Um was geht es da eigentlich? Warum ist das alles so dramatisch? Was ist denn das so Wichtige, dass Jesus alles in die Waagschale wirft? Und warum ist es für uns so schwer, zu begreifen?
Vor einigen Tagen gab es eine Lesung, auch aus dem Johannesevangelium, in der Jesus etwas sagt, was ein Schlüssel zum Versehen sein könnte:

"Meine Ehre empfange ich nicht von Menschen. Ich habe erkannt, dass ihr die Liebe zu Gott nicht in euch habt. Ich bin im Namen meines Vaters gekommen, und doch lehnt ihr mich ab. Wenn aber ein anderer in eigenem Namen kommt, dann werdet ihr ihn anerkennen. Wie könnt ihr zum Glauben kommen, wenn ihr eure Ehre voneinander empfangt, nicht aber die Ehre sucht, die von dem einen Gott kommt." (Joh 5,44f)

Meine Ehre empfange ich nicht von Menschen.
Tatsächlich: Es macht die Faszination Jesu aus, dass er seine Ehre nicht von Menschen empfängt – so kann er sie auch vor Menschen nicht verlieren. Er ist frei, sich ihnen ganz zuzuwenden, nicht abhängig von Macht und Ehre; er muss sich vor niemandem beweisen – nicht durch Großtaten, nicht durch Wohlverhalten, nicht durch große Sprüche, nicht durch Duckmäuserei, nicht durch faule Kompromisse. Er ist er selbst, einer, der meint, was er sagt, und dem es um die Sache geht, nicht um die eigene Person. Genau deshalb ist er für die Menschen ein Segen: genau deshalb schafft er Raum, wo sich aufatmen lässt, und die Menschen haben Vertrauen, nicht benutzt zu werden.

Umgekehrt: erleben wir es nicht als widerlich, wenn um Ehre gebuhlt wird, wie abstoßend das Taktieren sein kann, sich in gutes Licht zu rücken, um jeden Preis „voneinander Ehre zu empfangen"; bleiben nicht oft Besonnenheit und Respekt vor dem anderen, das Hinhören auf Argumente auf der Strecke, schlicht, weil eigenes Rechthaben wichtiger ist – bis hinein in die hohe Politik. Als ob die Tricks nicht auch durchschaubar wären, bis hin zur Lächerlichkeit: nur ja obenauf bleiben, sich nur keine Blöße geben!
Und das alles ist nicht harmlos: wo sich Macht sammelt, kann das gefährlich werden – besonders dort, wo die eigene Hybris auch noch religiös begründet wird. Jesus ist genau das zum Schicksal geworden.

Dabei erleben jene, die sich auf ihn einlassen, wie all das krampfhafte Streben nach eigener Größe eine Sackgasse ist. Jesus steht für eine ganz andere Lebensqualität: für jene innere Freiheit, die sich nicht an Vordergründiges bindet (auf was fallen wir nicht alles rein), sondern sich dort verankert, wo solche Freiheit auch gewährt wird: Die eigene Ehre und Würde kommt von dem einen Gott, und von sonst niemandem! Daraus kann die Fähigkeit wachsen zu einer Begegnung unter Menschen, wo man einander ernst nimmt, wo man sich mit den je eigenen Talenten ergänzt, wo Frieden wächst, wo man sich eben ohne Angst zueinander hinunterbeugen kann.

Welch eine befreiende Vision der Welt! Sich nicht um die eigene Ehre kümmern zu müssen.
Aber es ist grotesk: genau deshalb wird Jesus zur Bedrohung. Für jene nämlich, die niemanden über sich anerkennen, die grundsätzlich das Sagen haben wollen, die sich selbst zum Herrn aufspielen.
Für sie ist Jesus in der Tat eine Gefahr – weil die Art, wie er lebt, ihnen den Spiegel vorhält: Du bist nicht der Größte, und deshalb kannst du dich auch nicht als solcher aufspielen, und auf deine Mitmenschen herabschauen.
Und täuschen wir uns nicht, solch eine Haltung kann sich ganz subtil einschleichen. Nicht nur den Großen und Mächtigen gefällt das nicht. Gefällt es uns so ohne weiteres, was Jesus da mit der Fußwaschung zum Maßstab macht? Weckt das nicht auch in uns Widerspruch?
Ich mache mich doch nicht zum Deppen! Soll doch der andere kommen, wenn er was will! Wieso soll ich nachgeben! Ich will mich nicht verletzlich machen!
All zu leicht wird es als Schwäche ausgelegt, wenn jemand signalisiert: ich stehe zu Diensten, ich möchte dir gut sein – und dich nicht benutzen. So kann nur handeln, wer keine Angst um sich selbst hat. So handelt nur, wer nicht die eigene Ehre sucht.
„Meine Ehre empfange ich nicht von Menschen", deshalb verliere ich nichts, wenn ich mich zu ihnen hinunterbeuge – das ist die Haltung in der Jesus seinen Jüngern die Füße wäscht. Und er lässt keinen Zweifel aufkommen:

Wie könnt ihr zum Glauben kommen, wenn ihr eure Ehre voneinander empfangt, nicht aber die Ehre sucht, die von dem einen Gott kommt?
Wer nur auf sich selbst fixiert bleibt, wird nicht zum Glauben kommen – das heißt, es wird nicht das Vertrauen wachsen können, sich einander vertrauensvoll zu öffnen, mit allen eigenen Schwächen und Stärken; vielmehr müssen ständig Fassaden aufgebaut werden.
Nicht zum Glauben kommen, das heißt, die Welt nur selektiv wahrnehmen, mit dem Filter der eigenen Möglichkeiten und nicht verstehen, dass die wesentlichen Dinge des Lebens einem geschenkt sind.
Nicht zum Glauben kommen, das heißt im Grunde, verschlossen bleiben, weil ich mich auf niemanden verlasse, als auf mich selbst. Wer sich so zum Maßstab aller Dinge macht, der wird über den eigenen Horizont auch nicht hinauskommen.
Wo Menschen ihre Ehre nur voneinander nehmen, dort werden sie in der Enge ihrer Begrenztheiten und Verblendetheiten eingesperrt und letztlich von der Angst um sich selbst bestimmt bleiben.
Die Perspektive Jesu ist eine andere: Meine Ehre empfange ich nicht von Menschen, sondern von dem einen Gott.

Das ist die Vision des Christen:
Nicht in der Sorge um sich selbst leben zu müssen, sondern aus der Liebe Gottes, deren Maß unauslotbar ist – und die fähig macht, einander zu dienen.
Begreift ihr, was ich an euch getan habe?



Bernd Franke SJ