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St. Michaelskirche München
28. Juli 2002 (Ignatius-Fest)
1 Kön 3,5.7-12; Mt 13,44-46
Prediger: P. Provinzial Bernd Franke SJ




Ignatius, liebe Freunde in St. Michael, hätte es sicher nicht gerne, dass man über ihn predigt: Ihm ging es immer "um seinen Herrn", wie er sagte, um die Gestalt und das Leben Jesu. Ihn, nicht sich selbst und seinen Orden, wollte er den Menschen bekannt machen –als das Modell eines Weges zu innerer Freiheit und zu einem geglückten menschlichen Leben.

Genau deshalb lohnt sich aber der Blick auf Ignatius selbst. Denn genau zu solch einem Menschen ist er geworden. Erstaunlich, denn durch die Geschichte klebt ihm und seinem Orden eher ein anderes Image an: Ignatius, ein Mann der Disziplin und des Willens, der Ritter und Militär, zielorientiert, ein Stück verbissen in seinen Plänen, und noch dazu eher nüchtern distanziert.

Wie nun kann sich ein Mensch so verändern? Ist das auch uns möglich, die wir doch selbst allen möglichen inneren Zwängen ausgeliefert sind und manchmal so überhaupt nicht aus unserer Haut zu können.

Mich fasziniert es: dass genau dieser Ignatius im Laufe seines Lebens zu einem Mann innerer Gelassenheit und Freude wurde – und zwar nicht nur in der Theorie. Seine Ausstrahlung hat die Leute in den Bann gezogen. Der kleine Spanier, „der ein wenig hinkt und so fröhliche Augen hat", so kannten ihn die Römer und so gewann er die Herzen der Menschen und ihr Vertrauen.

Mitbrüder aus der römischen Zeit berichten: „Und wenn er jemanden zu Besuch empfing, zeigte er ihm eine so heitere Freude, als wollte er ihn in die Mitte seiner Seele nehmen". So etwas lässt sich nicht spielen, das muss von innen heraus gewachsen sein. Sonst wäre auch nicht jene berühmte Aussage zu verstehen, die P. da Camara glaubwürdig in seinen Erinnerungen an Ignatius festhält:

„Als einmal der Arzt sagte, er dürfe keine Melancholie bekommen, sie würde ihm schaden, sagte der Vater: ‚Ich habe nachgedacht, bei was mir Melancholie käme, und ich habe nichts gefunden, außer wenn der Papst die Gesellschaft (Jesu) gänzlich zunichte machte. Und auch damit, meine ich selbst, würde ich, wenn ich mich eine Viertelstunde im Gebet zurückzöge, so fröhlich wie zuvor oder noch fröhlicher sein.’"

Das muss jemand erst mal nachmachen! Sicher ist: Nur aus der Tiefe solch vertrauensvollen Betens lassen sich jene Freiheit und Leichtigkeit, der Humor und die Gelassenheit verstehen , angesichts all der Dinge, die einem Druck machen.

Ob das nicht ein Thema auch unserer Tage ist, ein Thema für uns selbst? Wie reagieren wir, wenn Dinge nicht so laufen wie erhofft und geplant – wer hat darunter zu leiden, wenn es uns nicht gut geht – wie verarbeiten wir, innerlich und im Miteinander, die Katastrophen und Zerrissenheiten unserer Welt – wo gehen wir hin mit unseren Ängsten, die uns sehr wohl immer wieder und unerwartet überfallen können?

Ignatius hat übrigens auch nicht in einfachen Zeiten gelebt. Die Nöte und Bedrängnisse für die Menschen damals standen den unseren wahrhaftig nicht nach. Und Ignatius war mitten drin. Er hat sich den Verhältnissen und Missständen entschieden gestellt und nach realistischen Lösungen gesucht. Darin war er ganz der zielbewusste Ritter. Aber dass er dies immer weniger verbissen tun musste, dass er dabei einen Humor entwickeln konnte, der nicht verdrängt und verharmlost, einen Humor aus innerer Gelassenheit, der nicht zynische Abwehr ist, sondern ein Zeichen der Hoffnung, einen Humor, der einen Mensch bleiben lässt, obwohl die Welt so ist, wie sie ist – darin steckt vielleicht die wichtigste Botschaft seines Lebens.

Wie aber, wie schon gefragt, kommt ein Mann seines Zuschnitts zu solch einer Ausstrahlung von Weite und Güte, von Geduld, Freundlichkeit und herzlicher Zugewandtheit, zu einem solch „hörenden Herzen", wie es in der heutigen Lesung beschrieben ist?

Das lässt sich nur erklären, wenn er etwas gefunden hat, was in seiner Anziehungs-und Lebenskraft alles andere in den Schatten stellt, den Schatz, von dem das Evangelium so lapidar und knapp redet. Für Ignatius war dieser Schatz nicht das Rezept „wie habe ich Erfolg". Es war die Erfahrung einer Freundschaft, auf die hin er sich völlig loslassen konnte: Du bist wichtig, ich stehe zu dir und ich will, dass du mit mir gehst – so formuliert Ignatius, was er in der Auseinandersetzung mit dem Leben Jesu als einen Ruf an sein Leben erfahren hat.

Er hatte den gefunden, dem er absolut vertrauen und dem er alles überlassen konnte. Das war die Quelle der inneren Freiheit und Fröhlichkeit, die einfach aus innerstem Herzen kam.

Es wäre nicht Ignatius, wenn das nicht sein ganz konkretes Handeln geprägt hätte. Er wusste: Ein Geschenk solcher Freundschaft bleibt nur lebendig, wenn es gepflegt wird. Es muss im Alltag seinen Ausdruck finden, es muss „eingeübt" werden.

Drei Dinge fallen bei Ignatius auf, die ihm geholfen haben, das Vertrauen in seinen Herrn als einer Quelle echter Fröhlichkeit lebendig zu halten.

Das erste: Lebe bewusst, verkoste und verspüre, was „der Seele Frieden gibt" – so Ignatius. Immer wieder fordert er dazu auf. Formuliere und benenne, was du als gut und dem Leben förderlich erlebst. Erinnere dich: Wo konntest du heute lachen, welche Begegnung hat dich froh gemacht, welche Aufgabe ist dir gelungen, wo hast du einen Fortschritt gesehen, was hat dir Hoffnung und Perspektive gegeben! - Wer bewusst so lebt, kann auch die Schatten anschauen und sich den Enttäuschungen stellen, ohne in Trübsinn zu verfallen.

Das zweite: Lass deinem Herzen auch einmal freien Lauf, besonders dann, wenn dich etwas freut und begeistert. In seinem sogenannten Pilgerbericht erzählt Ignatius, wie er einmal „jauchzend über die Felder rannte", als eine bedrängende Angst von ihm abgefallen war – oder Mitbrüder berichten, wie er „einen trostlosen Menschen mit einem fröhlichen baskischen Tanz aufheitern konnte", was einer gewissen Komik nicht entbehrte.

Ich vermute, wir alle könnten eher zulegen, wenn es darum geht, Freude und Frohmachendes zu teilen. Seien wir ehrlich, - oft wälzen wir doch nur Probleme, und meist noch die der anderen.

Das Dritte scheint mir in besonderer Weise bedenkenswert zu sein: Ignatius hat sorgfältig darauf geschaut, die Dinge nicht zu einlienig und zu eng zu sehen. Anders gesagt: Er hat seinem Gott zugetraut, dass der bei Problemen neben den eigenen noch andere Lösungswege kennt. Natürlich gibt es Grundsätze, die keine Kompromisse zulassen – aber meinen wir nicht in der Tat oft zu schnell, es gäbe nur eine einzige Lösung und man müsste es so und nicht anders machen? Als ob etwas, was nicht schmeckt, schon falsch sein muss. Ignatius hatte eine große Weite, die es ihm auch dann ermöglichte loszulassen, wenn etwas nicht so lief, wie er gedacht hatte.

Dieses Vertrauen in den größeren Überblick Gottes, so könnte man es nennen, hatte er übrigens mit seinem Zeitgenossen Philipp Neri gemeinsam, den die Leute den „fröhlichen Heiligen Roms" nannten. Beiden schätzten sich sehr, aber sie kannten sich auch in ihren Eigenarten und Schwächen. Philipp hat einmal gesagt: Wenn ich vor ganz großen Problemen stehe und nicht mehr ein noch aus weiß, dann überlege ich mir, was wohl Ignatius jetzt tun würde – und dann mache ich genau das Gegenteil.

Verschiedene Typen gehen offensichtlich auf das gleich Ziel hin verschiedene Wege Aber auch Ignatius selbst, der aus innerster Überzeugung nicht wollte, dass sein Mitbruder und späterer Nachfolger Franz Borja die Kardinalswürde annehme – „ich gehe lieber barhäuptig in die Sonne und den Regen, als einen Kardinalshut anzunehmen", hat er von sich gesagt – genau dieser Ignatius schreibt an Borja, er solle dennoch wach bleiben. Denn bei aller Klarheit der Argumente könne er nicht ausschließen, dass der Heilige Geist schlussendlich doch eine andere Entscheidung als die angemessenere erscheinen lasse.

Der Kardinalshut, für Ignatius eine wichtige Frage, aber bei aller Leidenschaft nicht die wichtigste. Wer so unterscheiden kann, der schafft Spielraum – sollten wir den nicht wahrnehmen? Wie oft könnten sich Menschen in ihrer Andersheit gelten lassen, ohne dass irgendjemandem ein Stein aus der Krone fallen würde. Und müsste nicht mancher Streit in unserer Welt, in der Kirche nicht ausgenommen, ein wenig mit Humor betrachtet, uns eigentlich zum Lachen bringen. Ernste Fragen bleiben genug.

Lasst das Gute zur Sprache kommen – gebt der Freude in euch eine Chance, sich zu zeigen – und glaubt nicht, dass eure Lösungen die einzig möglichen sind. Übungsschritte a la Ignatius. Übungsschritte im Vertrauen auf den von Jesus vorgezeichneten Weg. Übungsschritte, die uns verändern können, hin zu mehr Freiheit und zu einem Humor, in dem wir Gott unsere Begrenztheit und Endlichkeit anvertrauen, um uns dann gelassener den Problemen widmen zu können, die unseren Einsatz verlangen.

von dieser Seite an Ignatius wollte ich Ihnen heute einfach erzählen: Mir scheint nicht der strenge, willensbetonte Ignatius der wirklich authentische, sondern der „kleine Spanier, der ein wenig hinkt und so fröhliche Augen hat" –der attraktivere ist er sicher. Ich wünsche uns allen, dass wir angesteckt werden von seinem Vertrauen und seinem Humor-

Erlauben Sie mir noch eine Bitte in eigener Sache: Sollten Sie einem Jesuiten begegnen, der allzu verbissen schaut, sind Sie so gut und erinnern Sie ihn an Ignatius.

 
Bernd Franke SJ