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St. Michaelskirche München
25. Dezember 2002
Prediger: P. Albert Keller SJ

 

Wir wünschen uns "Frohe Weihnachten!" Das steht auch auf den meisten Weihnachtskarten, die man verschickt, und die werden auch verschickt von Leuten, die sonst nicht mehr viel mit dem Christentum anzufangen wissen. Aber mit diesem Wunsch "Frohe Weihnachten" stimmen sie in die christliche Weihnachtsbotschaft ein; da heißt es ja: "Ich verkündige euch eine große Freude, die allem Volk zuteil werden soll", und das wurde von Anfang an als Kern der christlichen Aussage begriffen. Euangelion, Evangelium - Frohe Botschaft -hat man es genannt.

Freude gehört in die Mitte des christlichen Glaubens, und der Wunsch "Frohe Weihnachten", das hat für den Christen eine Aufforderung: Kümmere dich darum, um diese Mitte des Glaubens, um die Freude. Nur, es ist ein frommer Wunsch -fromm, weil er dieser Urbotschaft entspricht - aber auch in dem etwas resignierendem Sinn ein frommer Wunsch, der doch kaum in Erfüllung geht. Es ist oft so, dass man sich auf Weihnachten freut, und dann an Weihnachten gelingt es nicht mehr ganz. Weihnachten ist dann ein Fest von enttäuschter Hoffnung. Vielleicht liegt das daran, dass man sich - wenn man das Glück hatte, eine solche Kindheit zu haben - an die Kindertage erinnert, wo Kinder Weihnachten feiern und man kann, gerade an Weihnachten, von Kindern lernen. Die können sich nämlich ungebärdig freuen, weil sie nicht alte Kümmernisse mitschleppen, Erinnerungen an Vergangenes, auch an Schuld oder Schlechtes - das lassen sie hinter sich und leben für den Augenblick - und sind auch nicht belastet von beengenden Sorgen, was übermorgen sein wird. Das ist schon eine Haltung, die man von Kindern lernen sollte. "Sorgt euch nicht wie die Heiden", sagt Jesus. Es gibt Wichtigeres, als was man essen und trinken und anziehen soll.

Dann eine zweite Sache kindlicher Freude: Kinder sind unbescheiden, nicht kleinlich. Sie möchten am liebsten alles, nicht nur dieses und jenes. Wir sind, vom Leben zurechtgestutzt, bescheiden geworden; versuchen vielleicht noch kleine Freuden einzuheimsen, aber so ganz auf den Grund reichen sie nicht mehr - und man muss sich fragen, woher rührt das? Man könnte sagen, jede Art von Freude stammt aus einer Liebe, in weitem Sinn genommen (und wenn man nur ein gutes Essen liebt, dann freut man sich darüber). Es fragt sich eben, wie tief die Liebe in uns reicht. Die ist nämlich verantwortlich dafür, ob wir uns freuen können!
Wir sollen uns freuen, Paulus sagt: "Freut euch allezeit" Und wir möchten es ja auch. Wir sind ja deshalb vielleicht enttäuscht, weil uns diese umfassende Freude nicht gelingt. Wir möchten uns freuen und haben dann unsere Einwände und sagen, wir können es nicht. Liegt vielleicht an Äußerlichkeiten. Wir würden uns schon etwas freuen, wenn Schnee an Weihnachten wäre! Und wenn das Wetter dann trüb und matschig ist, werden wir selbst etwas trübe. Wir sind da vielleicht zu viel von Äußerlichkeiten abhängig, obwohl, ohne diesen Bezug auf das Augenfällige wäre der Mensch auch verkümmert. Wir dürfen uns schon auch über Lichter und Glanz und Weihnachtsduft freuen, nur, es sollte tiefer reichen. Und dann haben wir unsere Einwände und sagen, wir können uns nicht freuen: Mir geht es nicht gut, ich habe Sorgen; die Welt, die Mitmenschen. Selbst, wenn ich über mich nicht klagen könnte - und wir klagen sicher leicht -, dann kann man doch die Misere der Welt anschauen. Und so haben wir unseren Einwand.

Wir möchten Gott sagen, wir würden uns ja gern freuen, aber schau diese Misere an. Es ist ja ein christliches Wort gewesen, das "Jammertal". Es ist wahr, und wir dürfen uns nicht über die Schatten und Dunkelheiten der Welt hinweg lügen, schon deshalb nicht, weil man womöglich dagegen angehen muss. Ich darf nicht wegsehen von Unrecht und Armut, ich muss versuchen etwas dagegen zu tun. Und da dürfte keine Freude mich darüber hinweg lügen. Nur, es ist die Frage, ob dieser Blick der einzig richtige ist, ob es nicht auch einen anderen Blick auf die Welt gibt, der klüger ist als unserer:

Der Blick Gottes, von dem heisst es, er hat die Welt geliebt. So sehr, dass er seinen eingeborenen Sohn schickte, die Welt zu retten. Er 1iebt diese Welt, also muss sie doch liebenswert sein! Er weiß es doch besser. Er ist in diese Welt gekommen und Teil von ihr; Mensch geworden. Er ist Licht in der Welt und hat alle dunklen Ecken dieser Welt ausgeleuchtet. Er ist ja nicht in Königspalästen, in Reichtum aufgetreten, er hat alle dunklen Seiten mitgemacht. Unverstanden, leidend, beschimpft, verachtet. Und das war - so paradox es klingt - sinn-voll. Er hat da hinein Sinn getragen, weil er in all dem der Liebende gewesen ist. Und wenn wir Liebe in die Welt tragen - gerade auch in die dunklen Zeiten, gerade auch, wenn wir selbst leiden und Kummer haben - dann erst verleihen wir der Welt Sinn. Einen anderen hat sie nicht. Alles Perfektionieren sonst ist zweitrangig (wenn wir uns um Gesundheit kümmern, wenn wir uns um Wohlstand kümmern).
Wozu wollen wir gesund und im Wohlstand lebend sein?

Was ist der Sinn? Der Sinn ist bloß, wenn wir diese innerste, menschliche Ausrichtung erfüllen - die uns allein auch wieder Basis von Glück und Freude ist -, wenn wir versuchen, in all diesen Situationen zu lieben. Und deshalb nimmt Gott unsere Ausreden nicht an, wenn wir sagen, aber es gibt doch Armut und Verfolgung. Er sagt: "Selig die Armen; selig, die Verfolgung leiden." Nicht, weil sie arm sind und verfolgt, sondern: Wenn sie darin ihre Liebe durchhalten, dann erst wird die Welt auch in diesen dunklen Seiten sinnvoll... Natürlich kann ich nicht auf Kommando mich freuen und auf Kommando lieben. Es ist eine Eigenart der christlichen Lebensaufforderung, dass man nicht Vollzug berichten kann ( das ist befohlen, das hab' ich getan). So sind die beiden - oder das eine Grundgebot des Christentums, du sollst lieben, und damit verbunden du sollst dich freuen - so sind die nicht zu erfüllen.

Das Christentum will nicht in erster Linie, dass wir etwas tun, sondern - eine Stock tiefer - Dass wir etwas sind. Aus dem richtigen Sein und Leben resultieren dann schon die Taten. Und dann kommen die Früchte, an denen man das erkennen kann. Wenn wir richtig sind, liebend und uns freuend, dann wächst das übrige im Leben fast von selbst. Das aber ist nicht etwas, was ich auf den Moment leisten kann, da muss ich mich hinein leben.

Wir müssen uns hinein leben in diese Liebe und Freude. Und Freude ist ein Gebot, eben mit der Liebe verwandt. Ich kann nicht Menschen lieben, wenn ich ihnen mürrisch und griesgrämig begegne. Den frohen Geber hat Gott lieb, und jedermann auch. Der, der bloß seine Pflicht erfüllt, und mag das noch so wichtig sein, der bleibt zurück. Leute wollen uns freundlich, Grundstock der Nächstenliebe: Freude verbreiten.

Natürlich dann die Frage: Wie kann ich mich freuen? Wiederum insistierend, bei all dem, wo ich doch selbst nicht nur vielleicht bekümmert bin, sondern auch erbärmlich hinter meinen Möglichkeiten zurück bleibend. Wie kann ich Basis der Freude finden?

Wenn ich glaube. Wenn ich diesen Satz des Evangeliums glaube: "Gott hat" - nicht nur- "die Welt geliebt", er liebt mich und wenn ich reagiere, wenn ich wieder liebe, dann gilt dieser Satz: "Denen, die Gott lieben, gereicht all es zum Besten." Wenn ich das glauben könnte! Alles, worüber ich mich ärgere, wo ich verzagt bin, was immer mir von außen zustößt, alles gereicht mir zum Besten. Alles ist Zeichen und Aufforderung des liebenden Gottes. Wenn ich das glauben könnte - und in diesen Glauben hinein muss ich mich bewegen - dann wäre die Grundlage der Freude in mir und dann könnte ich selbst -Abglanz des Lichtes Jesu - ein wenig Licht in die Welt bringen. Und das ist unsere Aufgabe, die Welt braucht unsere Freude. Schimpfen wir nicht über die Dunkelheit, zünden wir diese Kerze der Freude überall an! Dann wird "Frohe Weihnachten!" Amen.




Albert Keller SJ