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St. Michaelskirche München
Sonntag, 28. Januar 2001 (4. Sonntag im Jahreskreis C)

Prediger: P. Gerd Haeffner SJ


Predigt zum 1. Korintherbrief, Kap. 13: Über die Liebe
Die Reaktionen der Dorfbewohner von Nazareth gegenüber der Predigt ihres ehemaligen Genossen sind gemischt. Zuerst Bewunderung, dann Befremden: „Was nimmt er sich heraus? Das ist doch der Sohn des Josef, einer von uns. Woher hat er das?" und freche Forderung: „Man hört ja, du hättest in Kapharnaum Wundertaten getan warum nicht bei uns? Sind wir nicht genauso gut wie die Leute in Kapharnaum? Sind wir nicht deine Verwandten und Schulkameraden?" Die Botschaft des Herrn verfängt sich im Gestrüpp der menschlichen, der allzu menschlichen Gefühle, Vorurteile, Kleinlichkeiten, Reaktionen.
Werfen wir einen Blick aus diesem Dorf Israels in die griechische Großstadt Korinth, etwa fünfzehn Jahre später. Korinth, eine Art Amsterdam, eine quirlige Hafenstadt, Handelsstadt, mit all den Vorzügen und dunklen Seiten einer solchen Stadt, einer riesigen Prostitution, einem riesigen Schiebe- und Betrügebahnhof. Inmitten dieser Umgebung lebt eine junge, von Paulus gegründete, christliche Gemeinde im vollen Bewußtsein, daß sie etwas ganz anderes ist, daß sie herausgehoben ist aus diesem Menschlichen, allzu Menschlichen, in die Sphäre des Göttlichen: Zungenreden, das Sprechen in unbekannten Sprachen, das ekstatische Begeistertsein, der Jubel Gottes, der einfach so losbricht, ist unter ihnen an der Tagesordnung. Propheten stehen auf, die sagen, was kommen wird und die in das Herz der Gemeindemitglieder schauen können und es ihnen offenbaren. Die Korinther sind ganz besoffen von dem neuen Glauben. Sie fühlen sich schon unter die Engel versetzt. Was Paulus ihnen schreibt, ist in diese Situation hineingeschrieben: Er schätzt all dieses hoch, aber er kennt Höheres, Besseres, Göttlicheres: es ist die schlichte Liebe. Wenn einer noch so gescheit ist, wenn einer noch so erfüllt ist, ja mit übermenschlichem Wissen, außergewöhnlichem Wissen, daß er plötzlich fremde Sprachen sprechen kann, daß er, obwohl er diese nie gelernt hat, verstehen kann, daß einer begeistert das Lob Gottes singt, daß einer Erkenntnisse gewinnt, die man durch langes Studium nicht haben kann, sondern die plötzlich in einem aufspringen wie ein Blitz, dann ist das wunderbar, aber nur leere Fassade, bloßes Geflitter, wenn dahinter nicht die Substanz der Liebe steht. Ja wenn einer einen religiösen Glauben hat, eine Glaubenskraft, daß er Wunder tun kann, dann ist das nichts, wenn dahinter nicht die Liebe steht. Und wenn einer sich vornimmt, Großes zu tun für die anderen, sein ganzes Leben opfert, ja sein Leben unter Umständen hingibt, und er tut es nicht aus Liebe, dann ist das nichts.
Liebe muß etwas Ungeheures sein, wenn so etwas gesagt werden darf. Worin besteht sie denn? Schon der erste Satz, mit dem der Apostel sie beschreibt, holt uns in die Sphäre der Nüchternheit herunter: „Die Liebe ist langmütig." Sie hält viel aus. Sie hält lange durch. Sie steckt vieles ein. Sie läßt sich nicht ins Bockshorn jagen oder vergilt Enttäuschung mit Enttäuschung, Schlag mit Schlag, sondern kann warten. Es ist eine Kraft des Tragens, des Ertragens, des Aushaltens. „Die Liebe ereifert sich nicht." Sie ist nicht das Motiv, das dahintersteckt, wenn Leute sich permanent empören, permanent aufregen über die Zustände, Gift spritzen vor Enttäuschung über die Welt. Das ist irregeleiteter Idealismus, aber nicht Liebe: Liebe ereifert sich nicht. „Die Liebe prahlt nicht, sie bläht sich nicht auf." Ja, wie oft haben wir das Prahlen nötig, haben wir es nötig, uns aufzublähen, weil wir sonst den Eindruck haben, daß man uns übersieht. Wir müssen uns größer machen, scheint uns, daß man uns überhaupt wahrnimmt, daß wir auch zählen. So klein fühlen wir uns und so schwach, aber die Liebe fühlt sich stark. Sie braucht das Prahlen nicht, sie braucht nicht das Aufblähen. „Die Liebe freut sich nicht über das Unrecht, sondern über die Wahrheit." Begierig lesen wir doch täglich in den Zeitungen die Schlagzeilen, daß wieder einmal ein neuer Skandal passiert ist, besonders wenn es bei denen passiert ist, die wir sowieso nicht mögen. Davon lebt doch eine gewisse Presse, weil wir das so mögen, daß wir uns richtig mitfreuen an Unrecht. Natürlich regen wir uns darüber auf, aber wie langweilig wäre es, wenn es die anderen nicht täten. „Sondern sie freut sich an der Wahrheit": wenn es gelungen ist, etwas Gutes durchzusetzen; wenn Menschen sich Ideen gemacht haben, um irgendwo etwas zu verbessern, irgendwo in Not geratenen Menschen zu helfen da freut sie sich mit, wer immer das tut, und wenn es sogar die sind, die man normalerweise nicht so mag. Und Paulus schließt seine Beschreibung mit den Worten: „Sie erträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles, sie hält allem stand."
Wenn wir uns noch einmal vor Augen führen, was diese Liebe eigentlich ausmacht, dann finden wir relativ wenig Enthusiasmus, relativ wenig Schwung zum Außergewöhnlichen, sondern mehr diese Trage- und Standhaltekraft, die Kraft durchzuhalten aus Liebe. Und wenn wir das vergleichen mit unserem Alltag, dann sehen wir: Der Enthusiasmus ist sehr willkommen, aber er sucht uns relativ selten heim. Darauf können wir unser Leben nicht bauen. Und wenn wir auf die andere Seite schauen, dann fällt uns doch auf: All das, was gutgehen kann in unseren Beziehungen, in den Gruppierungen und Familien, zu denen wir gehören, kann nicht gutgehen, wenn da nicht genügend Kraft des Ertragens, der Langmut, des Einsteckens, des Trotzdem ist. Die Liebe ist, verglichen mit einer Blume, nicht der Glanz ihrer Blütenblätter, sondern die Kraft, mit der sich die kleine Wurzel durch das harte Erdreich schiebt.
Die Liebe warum sagt denn Paulus eigentlich immer „die Liebe ist langmütig", „die Liebe ist gütig" und nicht „ein Mensch, der liebt, ist langmütig", „ein Mensch der liebt, ist gütig"? So entspricht es doch mehr unserer Grammatik und auch der damaligen Grammatik. Hier ist ein Wink versteckt. Wäre die Liebe vielleicht ihrerseits eine Kraft, in denen, die lieben, die nicht in der Hand der Betreffenden liegt, die stärker ist als sie? Anderswo im Neuen Testament steht der Satz: Gott ist die Liebe. So wäre vielleicht die Liebe auch in ihrer schlichten menschlichen Gestalt der Geduld, des Ertragens, des Aufeinanderzugehens trotzdem, eine Weise wie Gott unter uns ist. Und so ist es. Die Liebe, sagt Paulus, hört nie auf. Alle religiöse Begeisterung, alle außergewöhnlichen Gnadengaben hören auf. Sie hören spätestens dann auf, wenn sie überflüssig gemacht werden durch das Kommen des Vollkommenen in der Beseligung am Ende. Dann zeigen sie sich als das, was sie sind: menschliche Stückwerke, Bruchstücke einer Erkenntnis, die nichts ist, verglichen mit dem Schauen Angesicht zu Angesicht. Oh, wie dumm waren wir doch, kann man sich im Nachhinein sagen, uns auf dieses Stückwerk Erkennen, auf dieses Stückwerk Heilen-Können soviel gutzutun, uns deswegen aufzublähen, das für wichtig zu halten, was doch letzten Endes wesenlos ist. Wie blind waren wir, das schlichte Tun der Liebe auf Erden nicht so hoch zu schätzen, wie es das verdient! Warum haben wir auf Titel und Grade und Öffentlichkeitskoeffizienten geschaut, auf Leistungen, wie wenn das das Wichtigste wäre. Wären wir Christen auch in unserem Verstand wie die Heiden geblieben? Deswegen ist es so wunderbar, daß dieser Brief, der ja nicht an uns gerichtet ist, sondern an die Korinther damals vor 1950 Jahren ungefähr, auch uns erhalten ist. Was für ein wunderschöner Text! Was für ein nahrhafter Text, den Sie immer wieder kauen müssen, an dem Sie ihr Leben immer wieder neu ausrichten müssen dürfen.

„Die Liebe hört nie auf." Alles andere hört auf. Die Liebe ist die Kraft, die uns hinüberträgt in die Ewigkeit. Die Liebe ist die Kraft, die uns jetzt schon teilhaben läßt an dieser Ewigkeit in der schlichten Gestalt der Langmut, der Güte, des Verzichts auf Ereiferung, Prahlen usw. „Für jetzt bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei. Doch am größten unter ihnen ist die Liebe."