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St. Michaelskirche München
Sonntag, 10. Dezember 2000 (2. Adventsonntag im Jahreskreis C)


Prediger: P. Gerd Haeffner SJ


Predigt zu Lukas 3,3,1-6 - Die Sünde

„Johannes zog in die Gegend am Jordan und verkündigte dort überall Umkehr und Taufe zur Vergebung der Sünden." Das war im 15. Regierungsjahr des römischen Kaisers Tiberius, also im Jahr 29 nach Christi Geburt. Das ist sehr lange her. Die Umstände der Predigt des Täufers waren ganz anders als es unsere Lebensverhältnisse heute sind. Es ist nicht gut denkbar, daß heute in unserem Land einer so aufträte und eine solche Volksbewegung auslösen würde wie Johannes.
Und doch ist es gerade diese Botschaft, der nachzudenken sich lohnt. Nicht als wäre sie leicht verständlich und eingängig. Im Gegenteil. Aber deshalb lohnt sich vielleicht gerade das Nachdenken über sie. Es muß ansetzen am Wort „Sünde", u. dann an „Umkehr" und „Vergebung".
I. Sünde
Die „Sünde" ist ein Wort, das heute keinen rechten Platz mehr hat. Wo wird noch von der Sünde geredet? Im Kaffeehaus, in den Medien, in der Kirche.
Im Kaffeehaus: „Ich glaube, heute „sündige" ich einmal", sagte sie und ließ sich noch ein Stück Sahnetorte auf den Teller geben: gegen wen sündigt man da? Gegen die schlanke Linie, gegen die Verbote des „Onkels" Doktor. Man redet vom Sündigen mit Augenzwinkern: ein bißchen sollte man vielleicht wirklich nicht, aber im Grunde ist es doch lächerlich, sich Vorschriften machen zu lassen, wie sind doch keine Kinder mehr.
In den Medien: das sündige Leben des Playboys Soundso: sündig = interessant, pikant; „Natürlich hätte er sich auch etwas ordentlicher benehmen sollen, aber andererseits: wie er sich das einfach herausnimmt, irgendwie auch bewundernswert, beneidenswert". Wer hier im Ernst von „Sünde" reden würde, gilt als veraltet, verklemmt, out. Sünde ist das, was von früher her noch den Beigeschmack des Verbotenen an sich hat. Von daher hat es noch den Reiz des Verbotenen, ohne den es wohl bald ganz seinen Reiz verlieren würde. Aber eigentlich gibt es für einen modernen Menschen so etwas wie Sünde doch nicht mehr.
Und in der Kirche? Da hört man jetzt auch weniger von der Sünde reden als früher. Früher, das war die Zeit, da einem klar gesagt wurde, was eine Sünde ist und wann sie schwer oder läßlich ist. Früher ging man auch häufiger zum Beichten und da mußte man wissen, was man aufzählen sollte. In den ersten Jahren fiel einem öfter nichts ein, und so konnte man schon auf die Idee kommen zu fragen: „Verkaufst du mir deine Sünden (nämlich deinen Beichtzettel) für 50 Pfennig?" Und da war man froh, daß es auch Sünden gab, für die man sich nicht schämen mußte, mit denen man aber die Liste füllen konnte: am Sonntag einmal nicht in die Kirche gegangen, den Eltern manchmal nicht gehorcht, öfter genascht, zwei am Freitag Wurst gegessen, die Mitschülerinnen an den Haaren gezogen. Im Rückblick scheint auch zweifelhaft, ob die Sünden, für die man sich besonders schämte, so besonders schwere Sünden waren.
Wenn man sich so betrachtet, was gemeint ist, wenn man heute in der Öffentlichkeit von „Sünde" spricht, dann sieht man: Im Blick ist dabei ein recht infantiler Begriff von Sünde, ein ins Erwachsenendasein hinüberreichender kindlicher Begriff. Sünde, das ist das Verbotene, das man aber nicht einsieht, das man sich nicht selbst verbietet, sondern das einem von denen vorgestellt wird, von denen man abhängig ist. Nun dieser Begriff der Sünde, dieser infantile, kann ruhig verschwinden. Ja, er muß noch viel mehr verschwinden, damit das, was wirklich Sünde ist, wieder deutlicher wird. Denn die Sache ist ja keineswegs verschwunden. Für sie aber haben wir heute in der gehobenen Umgangssprache kein rechtes Wort mehr. „Sünde" klingt altmodisch, „Vergehen" zu stark, „Fehlverhalten" zu äußerlich, „Schuld" ist nicht das schlechte Tun oder Unterlassen selbst, sondern schon dessen Ergebnis. Aber wenn einer entschuldigen Sie den Ausdruck! zerknirscht sagt „Da habe ich Scheiße gebaut", dann meint er ziemlich genau das, was man früher ausdrückte mit dem Wort „Ich habe gesündigt!"
II. Umkehr, Vergebung
Wer aber weiß es auch heute noch am besten, was eigentlich „Sünde" ist? Wer aufgewacht ist und das Schlechte bereut, das er getan hat: das Schlechte: nicht das von irgend jemandem Verbotene, sondern das als schlecht Erkennbare. Kurz: wer innegehalten und sich umgedreht hat, wer gesehen hat, was so hätte nicht geschehen dürfen, und wer dann seine Richtung ändert. Das alles ist Umkehr, dramatischer ausgedrückt: Bekehrung. Solange man im schlechten Denken, Reden und Handeln zuhause ist, merkt man es kaum. Erst nachher, wenn man sich davon gelöst hat, weiß man es, wie der, der lange nur noch in seinem Zimmer gelebt hat, erst wieder ins Freie kommen muß, um zu merken, wie unnatürlich, eingeengt dieses Leben in seinen 4 Wänden war.
„Ich weiß doch, daß ich kein Heiliger bin, wahrhaftig nicht", so ein Bekenntnis geht sehr gut zusammen mit der Beteuerung „Vorzuwerfen habe ich mir nichts; da soll mir mal einer damit kommen!" Aber daß er wirklich kein Heiliger ist, das merkt er z.B. erst dann, wenn ihm aufgeht, daß er seinem Kollegen schon öfter den Tod gewünscht hat, oder wenn er merkt, daß er es nicht lassen kann, seine gute Frau in Gegenwart anderer zu demütigen, oder wenn ihm klar wird, daß er aus einer Serie von Betrügereien nicht mehr herauskommt: daß er „ein Betrüger" geworden ist. Wenn einer, der sich nichts vorzuwerfen hat, plötzlich merkt, daß er niemanden geliebt hat, sich für nichts und niemanden hat verbrauchen lassen, daß er es immer verstand, die Fäden zu ziehen in einem Reich, dessen geheimer König er selbst war: dann kann er schon erschrecken, - dann können ihn Verzweiflung und Verlorenheitsängste packen, Stimmungen, die er längst ins Mittelalter verbannt glaubte. Wenn das einem geschieht, dann erfährt er, was Sünde ist, und dann ist weder die Sünde selbst etwas Infantiles noch das Bewußtsein von ihr.
Es ist eine höchst kritische, gefährliche Situation. Man ist da in der Tat in einer doppelten Gefahr. Die erste besteht darin, an seinen moralischen Kräften zu verzweifeln. Strebungen zur Selbstbestrafung werden wach, die gefährlich oder zumindest unfruchtbar sind. Die Umkehr wird zu einer Einkehr, an der man eingeht. Die zweite Gefahr besteht darin, daß man aus einem Instinkt heraus, um überleben zu können, sein Gewissen betäubt und alles auf andere abschiebt. Es ist schwer zu sagen, welche Gefahr mehr zu fürchten ist.
Es gibt nur eine Rettung aus diesem Dilemma: das ist die Erfahrung der Vergebung. Sie ermöglicht sowohl Ehrlichkeit wie Hoffnung. Diese Erfahrung der Vergebung durch Gott wurde den Juden damals geschenkt, wenn sie sich dem Eingetauchtwerden durch die Johannes unterzogen. Sie wird uns heute dem geschenkt, der sich der Taufe unterzieht. Wer schon getauft ist, dem steht im Bußsakrament eine kleine Form der Taufe zur Verfügung. Auch hier kann man die Vergebung, wenn man sie mit ganzem Herzen sucht, erleben. Auch hier ist Gott am Werk, dafür ist das Wort des Herrn an die Priester ergangen, so wie damals an Johannes.
Freilich: manch einer hängt an kindlichen Erfahrungen und Verletzungen vom Beichten-Müssen. Er soll in aller Freiheit und Ruhe wegbleiben. Gott mag ihn auch so. Denn Beichten, das kein Beichten-Dürfen ist, ist kein rechtes. Auch es hat eine unangenehme Seite. Aber es gibt wenige Dinge, die so schön sind, wie die Erfahrung, ganz ehrlich und ungeschönt, vor Gottes Vertreter stehen zu können und zu hören: es ist alles verziehen; es ist alles gut.